Zuger Baukultur

Anlässlich des Kulturerbejahrs 2018 erarbeitete der Zuger Heimatschutz drei Rundgänge in Baar, Menzingen und Zug. Die vorgestellten Gebäude sind bauhistorisch relevant und ortsbildprägend. Sie sind stilistisch zwischen Historismus und Neuem Bauen einzuordnen.
Mehr Informationen über die Gebäude erhalten Sie in den Faltblättern «Baukultur erleben».

Baukultur erleben

Architekturgeschichten und Ortsbilder im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Eine Zusammenarbeit des Zuger und des Schweizer Heimatschutzes

Haus Gotthardstrasse 18, Zug

1923 entstand an der Gotthardstrasse 18 (rechts im Bild) an Stelle des Gaswerks das erste Kinogebäude in Zug, das «Grand Cinema Zug». Für die Kinopionierin Veronika Hürlimann-Schweiker schufen die Zuger Architekten Dagobert Keiser und Richard Bracher einen neoklassizistischen Bau mit Dreiecksgiebel. Dieser wurde 1936 von Architekt Heinrich Peikert, Zug, überformt. Aus statischen Gründen musste der Ursprungsbau mit einer Betonkonstruktion überbaut werden. Darüber entstand ein viergeschossiges Wohnhaus mit charakteristischer Fassadengliederung durch Erker, Balkone und Fenster. Um ein einheitliches Erscheinungsbild bemüht, blendete man die neue Fassade der alten vor. Das noch heute als Kino genutzte Haus Gotthardstrasse 18 ist in seiner sachlichen Formensprache ein typischer Vertreter der Zwischenkriegsmoderne.
 

Adresse
Gotthardstrasse 18, Zug 

Architekten 
Dagobert Keiser und Richard Bracher, Zug; Heinrich Peikert, Zug

Baujahr 
1923; 1936

 

Gotthardstrasse 18, Zug
Gotthardstrasse 18, Zug (Foto: ...)

Baumwollspinnerei an der Lorze, Baar

Von Wolfgang und Alois Henggeler initiiert, baute der Architekt Adolf Uttinger, nachmaliger Stadtbaumeister in Aarau, die Baumwollspinnerei an der Lorze. Der Kernbau und die beiden flankierenden Fabriktrakte entstanden in zwei Etappen zwischen 1853 und 1858. Im Mittelbau waren die Büros der Direktoren und die Turbinen, welche die Maschinen in den Produktionstrakten antrieben, untergebracht. Die Anlage wurde mehrfach umgebaut. 1947 kürzte man die Trakte und ersetzte den Mittelbau durch den heute noch bestehenden. 1993 wurde der Betrieb eingestellt und das Gebäude einer vielfältigen Nutzung zugeführt. Als Monumentalbau mit den neusten und besten Einrichtungen repräsentierte die Spinnerei an der Lorze einst den technischen Fortschritt und die moderne Textilfertigung. Heute zählt sie zu den wichtigsten Vertretern industrieller Architektur in der Schweiz.
 

Adresse
Haldenstrasse 1–5, Baar 

Architekt
Adolf Uttinger 

Baujahr
1853–1858

Baumwollspinnerei an der Lorze
Adresse: Haldenstrasse 1–5, Baar Architekt: Adolf Uttinger Baujahr: 1853–1858

Schulhaus Dorf, Menzingen

In Menzingen ist 1606 erstmals eine öffentliche Schule belegt. 1813 waren Schule und Gemeinderat im selben Gebäude an der Hauptstrasse untergebracht. 1835 wurde das von Baumeister Heinrich Staub aus Horgen erbaute Schulhaus eingeweiht. Es befand sich im Bereich des heutigen Schulhausplatzes und wurde 1934/35 ersetzt. Der Neubau stammt von den Architekten Alois Stadler und Walter Wilhelm aus Zug. Sie schufen einen dreigeschossigen Massivbau mit regelmässiger Durchfensterung und Walmdach. Die Eingangsfassade ist durch die Symmetrie und die durch die Lukarne mit Wanduhr akzentuierte Mittelachse charakterisiert. 1993 wurde das Gebäude renoviert und ausgebaut. In seiner strengen architektonischen Gestalt ist das gemeindliche Schulhaus Dorf ein typischer Vertreter des Neuen Bauens.
 

Adresse
Alte Landstrasse 2, Menzingen

Architekten
Alois Stadler und Walter Wilhelm, Zug

Baujahr
1934/35

Reformierte Kirche, Zug

In der Neustadt entstand 1904–1906 die zweite reformierte Kirche im katholischen Kanton Zug; rund vierzig Jahre nach der ersten in Baar. Der Zürcher Architekt Friedrich Wehrli schuf einen imposanten neuromanischen Zentralbau in einem Park. Das Innere war, der modernen Auffassung jener Zeit entsprechend, als Einheitsraum konzipiert und mit dekorativen Wandmalereien ausgestaltet. 1931 wurde das Gebäude durch den Zuger Architekten Richard Bracher renoviert. Bei der Renovation 1968 richtete man das nach Westen orientierte Kircheninnere gegen Norden aus und schuf einen zentralisierenden Gemeinschaftsraum. Die letzte Innenrestaurierung erfolgte 2004/05 mit Rückblick auf das ursprüngliche Gestaltungskonzept. Mit ihrem charakteristischen bauzeitlichen Äusseren und den zeitgemässen Renovationen im Inneren ist die Reformierte Kirche Zug ein eindrücklicher Zeitzeuge.
 

Adresse
Alpenstrasse 3, Zug

Architekt
Friedrich Wehrli, Zürich

Baujahr
1904–1906

«Höllhüser», Baar

Mit der Inbetriebnahme der Spinnerei entstanden mehrere Arbeiterhäuser, so auch die nach ihrem Standort benannten «Höllhüser». Der Zimmermeister Christian Iten errichtete ab 1861 am Lorzendamm zwölf identische Bauten. Die verschalten Riegelkonstruktionen erhielten durch das umlaufende Gesims und die ausgesägten Schmuckformen an den Dachunterseiten ihre biedermeierliche Gestalt. In jedem Haus waren drei kleine Wohnungen untergebracht, welche die Fabrikherren ihren Arbeitern günstig vermieteten. Ein Gebäude wurde abgebrochen, wenige neue kamen dazu. Die Lauben zu den Gärten hin stammen von 1947. Im Rahmen eines diskreten Ausbaus entstanden 1993 nach einer Vorstudie des Zuger Architekten Peter Kamm die rückwärtigen Erweiterungen. Noch heute erzählen die «Höllhüser» eindrücklich von damals.
 

Adresse 
Lorzendamm 6–28, Baar 

Architekt 
Christian Iten

Baujahr 
ab 1861

Institut der Schwestern vom Heiligen Kreuz, Menzingen

Die Schwestern vom Heiligen Kreuz wurden 1844 als franziskanische Gemeinschaft von Kapuzinerpater Theodosius Florentini und Schwester Bernarda Heimgartner gegründet. Ihr zentrales Anliegen war Bildung für Mädchen und junge Frauen. Das Mutterhaus entstand 1851. Schon bald wurde es wegen des grossen Zulaufs erweitert. 1876 schuf der Luzerner Architekt Wilhelm Keller eine angrenzende Gartenhalle mit aufsitzender, neugotischer Kapelle und wenig später das Pensionat. 1890–1892 folgte der Bau des Seminars durch die Architekten Gebr. Reutlinger, Zürich. Die neubarocke Kirche mit ihrer charakteristischen Kuppel entstand 1895–1897 an Stelle der Kapelle – erbaut vom bekannten Kirchenarchitekten August Hardegger. Mit weiteren Anbauten entwickelte sich sukzessive die prägnante geschlossene Vierflügelanlage mit Innenhof.
 

Adresse 
Hauptstrasse 11, Menzingen

Architekten 
Wilhelm Keller, Luzern; Gebr. Reutlinger, Zürich; August Hardegger, Luzern

Baujahr
ab 1851

Haus Erlenstrasse 16, Zug

1902/03 liess Robert Brandenberg an der Pilatusstrasse ein Wohnhaus (Gotthardstrasse 27) und eine Werkstatt mit Giessereianbau (Pilatusstrasse 2) errichten. Hier betrieb er seine mechanische Werkstätte Brandenberg & Cie. Das Unternehmen war rasch erfolgreich. So wurde 1905 der Anbau aufgestockt und das spätklassizistische Wohnhaus Erlenstrasse 16 erbaut, das als architektonisches Pendant zu jenem an der Gotthardstrasse 27 die Häuserzeile abschloss. Ab 1921 mietete Jakob Buchmann die Liegenschaft, in der er einen Lederhandel betrieb. 1996–2014 war die Firma Nussbaumer Elektro Zug AG hier domiziliert. 2014 wurden die Gebäude durch Röösli Architekten, Zug, restauriert. In der Häuserzeile, in der seit Anbeginn gewohnt und gearbeitet wird, treffen sich Geschichte und zeitgemässe Nutzung respektvoll.
 

Adresse 
Erlenstrasse 16, Zug

Baujahr
1905

Reformierte Kirche, Baar

1867 wurde in Baar die erste reformierte Kirche im katholischen Kanton Zug eingeweiht. Mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Zuzug von Reformierten konnten eine reformierte Kirchgemeinde und ein eigenes Gotteshaus entstehen. Initiiert und gefördert wurde der Kirchenbau vom katholischen Spinnereigründer Wolfgang Henggeler-Schmid und seiner reformierten Frau Barbara. Die in der Achse der Spinnerei errichtete klassizistische Kirche mit den ausgezeichneten Achsen und Gebäudekanten, der sechsachsigen Gliederung der Seitenfassaden und den neugotischen Einzelformen ist typisch für den grossen Architekten, der sie schuf: Ferdinand Stadler. Als stille Zeitzeugin erzählt die reformierte Kirche in Baar heute noch schlicht und ergreifend von ihrer bewegten Geschichte.
 

Adresse
Leihgasse 6, Baar

Architekt
Ferdinand Stadler, Zürich

Baujahr
1866/67

Gotthardstrasse 18, Zug
Architekten: Dagobert Keiser und Richard Bracher, Zug; Heinrich Peikert, Zug Baujahr: 1923; 1936

Seminar Bernarda, Menzingen

Das Seminar Bernarda, in dem bis 2016 Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen ausgebildet wurden, entstand 1955–1958. Konzipiert wurde es von den Architekten Hanns A. Brütsch & Alois Stadler und Leo Hafner & Alfons Wiederkehr. Die einen Innenhof umfassende Baugruppe besteht aus dem Wohntrakt, der Turnhalle, dem Speisesaal, dem Theatersaal mit aufsitzender Kapelle und dem Schultrakt. Verbunden sind die Gebäude durch verglaste Hallen. 2002 zog das kantonale Gymnasium Menzingen mit ersten Klassen ein, 2006 übernahm es das ganze Gebäude. Aktuell entsteht an Stelle des ehemaligem Wohntrakts und der Turnhalle ein neues Schulhaus (links im Bild). Mit den subtil gestalteten Innen- und Aussenräumen und den nach Funktionen getrennten Baukörpern war das Seminar Bernarda in seiner Architektursprache überaus avantgardistisch.
 

Adresse 
Seminarstrasse 12, Menzingen

Architekten 
Hanns A. Brütsch und Alois Stadler, Leo Hafner und Alfons Wiederkehr, Zug

Baujahr 
1955–1958

Schulhaus Neustadt, Zug

Die Stadt beauftragte die Zuger Architekten Dagobert Keiser und Richard Bracher mit dem Bau eines Primarschulhauses im Neustadtquartier. Diese schufen 1908/09 ein grosses Gebäude im Heimatstil mit Tuffsteinquadersockel und Schweifgiebeln. Für die Zeit neuartig waren die Eisenbetonkonstruktion und die differenzierte innere und äussere Farbgestaltung. Fortschrittlich gestaltete sich auch der Innenausbau mit Warmwasserzentralheizung und neuster Haustechnik. 1976 wurde das Gebäude umgebaut und diente fortan der Musikschule. Bei der Restaurierung 2004/05 stellte man das originale Farbkonzept teilweise wieder her. Das Schulhaus Neustadt ist ein markanter Zeitzeuge, der in den Anfängen mit seiner modernen und kindergerechten Architektur und Farbgestaltung weit über die Kantonsgrenze hinaus strahlte.
 

Adresse
Bundesstrasse 2, Zug 

Architekten 
Dagobert Keiser und Richard Bracher, Zug

Baujahr 
1908/09

Haus «Maria vom Berg», Menzingen

1930–1932 erbaute der Zürcher Architekt Anton Higi das Haus «Maria vom Berg». Es beherbergte fortan das Pensionat, das sich bis anhin im Mutterhaus des Instituts befand. Hier besuchten junge Frauen Schulen und Kurse. Seit 1976 dient das Haus als Altersresidenz für die Schwestern des Instituts. Das monumentale Gebäude hat einen Grundriss in Form eines Taukreuzes, des Symbols für den Franziskanerorden. In den unteren, hohen Geschossen mit grossen Fenstern waren Lehr- und Arbeitsräume untergebracht. Die oberen Geschosse mit Balkonen dienten zu Wohnzwecken. Im halbrunden Bauteil mit Flachdachterrasse befanden sich Turnhalle und Speisesaal. Der Quertrakt fasst Eingang und Treppenhaus sowie einen Saal mit aufsitzender Kapelle. Als Vertreter des Neuen Bauens ist das Pensionat ein markanter Zeitzeuge.
 

Adresse 
Seminarstrasse 14, Menzingen

Architekt
Anton Higi, Zürich

Baujahr 
1930–1932